Der Wunschbaum

Es ist ein freundlicher Sommertag, als ich im Park umher streife und plötzlich aus dem Augenwinkel diesen Baum sehe, in dessen Ästen bunte Gegenstände hängen. Ich nähere mich ihm, reichlich verwundert. Ist das Absicht? Ein Ausdruck des studentischen Hedonismus? Kreativer Vandalismus? Ich betrachte den eigenartigen Schmuck an der Kastanie eingehend. Da hängen bunte Zettel, manche davon laminiert. Auf einigen stehen Wünsche (von guten Noten über Genesungswünsche bis hin zu Weltfrieden ist alles dabei), auf anderen ganz schlicht positive Begriffe (Liebe, Glück, Frieden).

Andere Zettel beherbergen längere Texte mit ausführlichen Wünschen oder Gebeten. Einige kleine Gebetsfahnen tibetischer Herkunft schlängeln sich auch noch durchs Geäst. Ein Ast wurde als Schnuller-Entwöhnungs-Station auserkoren (die Mütter unter euch haben sicher schon mal vom Schnuller-Baum gehört), die bunten Nuckler schaukeln sanft im Wind. Als ich nach oben blicke, hängt dort ein großes Schild: Glücksbaum.

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Irgendwo in Augenhöhe finde ich noch einen laminierten Hinweis, sich doch bitte rege an der Ausgestaltung des Baums zu beteiligen, damit er wachsen und gedeihen möge. Eigenartig, dieser Baum. Ich weiß nicht, ob ich irritiert oder fasziniert sein soll, schieße schnell ein paar Fotos und mache mich zuhause auf die Suche nach diesem Phänomen.

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Rag Trees und Fairy Trees

Schnell stoße ich auf Irland, wo geschmückte Bäume als Rag Trees, Wish Trees oder Fairy Trees bekannt sind. Dafür werden einerseits Hölzer ausgewählt, die aufgrund ihres Charakters der Feenwelt ohnehin schon nahe stehen, etwa Schwarz- oder Weißdornsträucher. Das Prinzip ist denkbar einfach: man befestigt Stoffstreifen oder Bänder an den Zweigen des Baumes und hofft auf das Eintreffen des Wunsches, oft in Verbindung mit einem Gebet an eine Gottheit oder die Feenwelt und einer kleinen Opfergabe, die man am Baum hinterlässt.

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Clootie Wells

Die „Lumpenquellen“ genannten Orte bringen uns zu einer noch etwas spezifischeren Art von Wunschbaum. Hier taucht man Stofffetzen aus den Kleidern eines Kranken in das Wasser der heiltätigen Quelle und hängt diese anschließend in die Bäume nahe der Quelle. Sobald sich der Stoff aufzulösen beginnt, schwindet auch die Krankheit dahin. Je nach Ausführung wäscht sich der Kranke auch zuerst symbolisch mit dem ins Quellwasser getauchten Stoff und hängt ihn dann in den Baum.

Den umweltbewussten Lesern unter euch wird jetzt vielleicht aufgefallen sein, dass sich nur Stoffarten aus natürlichen Fasern zeitnah auflösen können (und symbolische Erleichterung bringen). Die „clootie well pollution“, also die Verschmutzung der Lumpenquellen, ist inzwischen zu einem ernsten Thema geworden, da immer mehr Kunstfasern ihren Weg an die Bäume gefunden haben. Lösen sich die Stofffetzen dann unter der Einwirkung von UV-Licht und Witterung nach langer Zeit in kleinere Bestandteile auf, sind wir wieder beim Thema Mikroplastik angekommen. Größere Stoffstücke verrotten natürlich nicht so schnell und wirken, sobald die Witterung den Stoff angegriffen hat, dann tatsächlich nur noch wie der traurige Versuch, alte Textilien im Wald entsorgt zu haben.
Solltet ihr also selbst einen Baum schmücken oder an einem Quellheiligtum mit Wunschbaum vorbeikommen, dann achtet bitte darauf, nur Naturfasern zu verwenden.

Habt ihr schon einmal von diesem Brauch gehört oder im Urlaub sogar einen Fairy Tree gesehen?

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Quellen und weiterführende Links:

Geschrieben von Anmara
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