Lieblingsteile – Kleidungsstücke retten mit Stickereien

Wer kennt das nicht? Man hat einen ganzen Kleiderschrank voll Klamotten und zieht doch immer wieder das Gleiche an: Die bequeme Jogginghose, die so gut sitzt, der super kuschelige Pulli, den man vor drei Jahren von Mama zu Weihnachten geschenkt bekommen hat, die Allwetterjacke, die einen schon jahrelang durch alle Wetterlagen begleitet hat oder die handgestrickte Mütze aus weicher Wolle, die so schön warm hält und nicht kratzt. Und dann der Schreckmoment – ein Loch, ein Riss, ein Fleck, der auch nach der fünften Wäsche noch nicht rausgegangen ist. Aber ist das Lieblingsteil deswegen verloren? Ich sage nein. Es gibt unzählige Möglichkeiten, seine Lieblingsstücke zu retten und eine davon möchte ich euch heute vorstellen.

Sticken – eine jahrtausendealte Handwerkskunst

Wie viele Handarbeitstechniken hat auch das Sticken eine sehr lange Entwicklungsgeschichte hinter sich. Archäologische Funde belegen, dass bereits 5000 v. Chr. Kleidungsstücke in Ägypten, China und Südamerika mit Stickereien verziert wurden. Ursprünglich wurden geometrische Figuren als Motive verwendet. Erst später kamen auch figürliche Darstellungen dazu.

Aus den Garderoben von Kaisern und Mönchen und durch die Schulzimmer adliger Frauen bahnte sich diese hochwertige Handarbeitstechnik ihren Weg bis in die heutige Zeit. Und dabei blieb sie nicht bei Omas Wandkalendern und Kreuzstichdeckchen stehen. Während der Do-It-Yourself-Bewegung der 70er und 80er Jahre ist das Sticken zusammen mit vielen anderen Handarbeits- und Handwerkstechniken zu einem Symbol für Selbstermächtigung, Improvisation und Eigeninitiative geworden. Und dieser Drang zum Selbermachen als Protest gegen die Konsum- und Ausbeutungsgesellschaft macht auch vor dem 21. Jahrhundert nicht halt. Womit wir wieder beim Thema wären…

Wieso alte Lieblingsstücke wegwerfen…

… wenn man sie ebenso gut reparieren und damit sogar noch aufpeppen und individualisieren kann? Zugegeben – eine neue Hose oder ein neuer Pulli ist heute schnell und billig gekauft und manche Sachen sind vielleicht so beschädigt, dass man sie nicht mehr retten kann. Aber in den meisten Fällen lassen sich selbst größere Schäden auf kreative Weise beheben oder das kaputte Stück als „Rohstoff“ für tolle Upcycling-Projekte nutzen. Ein Beispiel gefällig?

Vor Jahren vermachte mir mein Freund eine seiner alten schwarzen Jogginghosen, die ihm zu eng geworden war. Mir dagegen passte sie, als wäre sie mir auf den Leib geschneidert worden und wenn sie nicht gerade in der Wäsche war, trug ich sie ständig – egal ob zuhause, beim Treffen mit Freunden oder auch an der Uni. Und nach einem langen Uni-Tag drängelte ich mich in den Bus, der mich nachhause bringen sollte, schmiss mich galant auf einen meiner Lieblingsplätze kurz vor der hinteren Ausstiegstüre und es machte – RATSCH!!! – und ich hatte das Gefühl, ich hätte mir die gesamte recte Wade aufgeschlitzt. Tatsächlich hatte ich sogar einen leichten Kratzer davon getragen, aber das war nichts im Vergleich dazu, was meine Hose abbekommen hatte. Ein ewig langer Schlitz klaffte im schwarzen Stoff und ich war mir für eine Millisekunde sicher: „Diese Hose ist nicht mehr zu retten.“ Und trotzdem wollte ich mich nicht geschlagen geben.

Zuhause schnappte ich mir Nadel und Faden, drehte die Hose auf links und nähte den Riss wieder zu, was tatsächlich relativ gut funktionierte. Und die Hose ließ sich auch wieder anziehen, aber – meine Herren (und Damen) – sah das bescheiden aus. Also habe ich aus der Not eine Tugend gemacht, mir kurzerhand mein Stickgarn geschnappt und über die gesamte Länge der Naht eine Blumenranke gestickt. Und glaubt mir, so eine geniale Hose hatte ich noch nie. Ein echtes It-Piece – wie es im Fashion-Jargon so schön heißt.

Und seit dieser Geschichte bin ich dazu übergegangen, sämtliche Schäden – von Katzenkrallenlöchern bis hin zu mal mehr, mal weniger großen Rissen und Schnitten – an meinen Kleidungstücken mithilfe von Freihand-Stickereien in schicke Dekorationen zu verwandeln. Auch die besagte Jogginghose ist inzwischen um zwei, drei Webrosen reicher.

Welche Stickstiche eignen sich zum Flicken?

Grundsätzlich eignet sich jeder flächenfüllende Stich. Mein absoluter Liebling ist hierbei die Webrose, die optimal zum -verstecken von Löchern ist. Hierbei werden von einem erdachten Mittelpunkt aus fünf oder sieben gleichmäßig verteilte „Streben“ in den Stoff gestickt, um die dann herum gewebt wird. Das Ergebnis ist eine simple, aber sehr schicke Rosenblüte.

Ebenso geeignet sind sämtliche Arten von Platt- und Spannstichen, mit denen sich einfache Formen wie Blätter, aber auch komplexere Motive wie Herzen, Sterne oder auch Buchstaben umsetzen lassen. Für Linien eignen sich Stickstiche wie der Rückstich oder der Kettstich. Weitere Zierstiche komplettieren euer Bild. Schaut euch einfach mal die vielen unterschiedlichen Stickstiche an. Gerade bei YouTube gibt es tolle Videos zum Thema „Freihandsticken“ und die meisten Stiche sind wirklich nicht schwer.

Und was hat das Ganze jetzt mit Magie zu tun?

Mal ganz davon abgesehen, dass zu einer guten Hexe – meiner Meinung nach – auch ein Bewusstsein für die Umwelt und ein nachhaltiges Leben gehört, öffnet das Freihandsticken (so wie die anderen Handarbeiten auch) ganz neue Türen, um seine Magie in den Alltag zu integrieren und somit besser ausleben zu können. Blütenmotive mit dem Hintergrund ihrer eigenen magischen Symbolik, selbst erstellte Sigillen oder Runen, unauffällig auf den Rand der Jeans-Gesäßtasche gestickt, Schriftzüge in speziell ausgewählten Farben, kleine Glücksbringer oder Beschützer, aufgestickt in der Nähe des Herzens.

Und man muss sich dabei nicht mal nur auf Kleidung beschränken. Ich habe auch schon bestickte Taschen, bestickte Schuhe, bestickte Notizbücher, bestickten Schmuck, ja sogar bestickte Maschendrahtzäune gesehen.

Sticken kann im Grunde eine Form von Knotenmagie sein. Und es macht wirklich sehr viel Spaß. Probiere es doch einfach mal aus! Ich wünsche dir viel Spaß dabei.

Alles Liebe

Deine Ellie

Beitrag von Ellie
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