Rider-Waite-Tarot: V, Der Hierophant

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1. Beschreibung der Karte

Die Karte des Hierophanten (auch als Hohepriester bekannt, im Folgenden werde ich mit der deutschen Bezeichnung fortfahren) wirkt sehr erhaben und beinahe respekteinflößend. In einer Art Tempelszene sehen wir einen Mann mittleren Alters in einem roten, geistlichen Gewand, der etwas erhöht in der Mitte des Bildes thront. Links und rechts von ihm sind zwei dicke steinerne Säulen mit verzierten Kapitellen zu sehen.
Links und rechts vor ihm knien zwei Mönche, die ihr Gesicht dem Hohepriester zugewendet haben. Die Mönche tragen gemusterte Roben: der linke Mönch eine Robe mit Rosenmuster, der rechte eine Robe mit Lilienmuster. Beide tragen eine Tonsur. Der Hohepriester scheint den Betrachter direkt anzublicken. Die rechte Hand hebt er mit drei ausgestreckten Fingern zur Segnung, in der linken hält er ein großes, schmales Kreuz mit drei Querbalken, das Papstkreuz. Der Kopfputz des Hohepriesters erinnert ein wenig an einen Pharao; es handelt sich dabei um die Papstkrone.

2. Deutung der Farben

  • Grau (Hintergrund, Säulen): Ernsthaftigkeit, Starrheit, Prinzipien, Monotonie, Härte, Kargheit, Askese, Zurückhaltung, Weisheit
  • Gelb (Kopfschmuck, Kreuz, Schärpe auf Mönchsgewand): Erleuchtung, Wissensvermittlung, Austausch, den Geist betreffend; auch: Oberflächlichkeit, Neid
  • Rot (Priestergewand, Boden): Macht, Ruhm, Ehre, Stärke, Männlichkeit, Dominanz, auch: Wut, Zerstörungslust
  • Weiß (Untergewand, Borte, Mönchsgewänder): Spiritualität, Reinheit, Weisheit, die alles vereinende Farbe; auch: Ahnungslosigkeit, geblendet sein
  • Hellblau (Priesterkragen, Untergewand): Frische, Kühle, Sanftheit, Zurückhaltung, Reinheit

3. Deutung der Symbole

  • Zwei Steinsäulen: (Eingang) zu einem Tempel, Wirkungsort des Hohepriesters. Heilige Hallen. Stabilität, Fundament, Stütze, Aufstreben.
  • Dreiteilung des Bildes: Der Papst als Vermittler zwischen den drei Welten oder Reichen.
  • Gekreuzte Schlüssel: Zugang zu Mysterien, Einblicke in geheimes Wissen, etwas entschlüsseln. Der Schlüssel ist zudem das Symbol von Petrus, dem Himmelswächter, der diese Aufgabe von Jesus übertragen bekommen hat. Verstärkt die Rolle des Hohepriesters als Stellvertreter der Göttlichkeit auf Erden, des Mittlers zwischen dem Diesseits und der geistigen Welt und dem geheimen Wissen. Er ist somit eine Art Pförtner, der für jede der Welten einen Schlüssel nutzen kann und der so Einsicht/Macht auf irdisches und überirdisches Geschehen hat (-> Hinweis auf hermetisches Prinzip: „Wie oben, so unten.“)
  • Papstkreuz: In manchen Tarotdecks ist die Karte des Hohepriesters auch als Karte des Papstes gestaltet und benannt ist: Der Papst ist in der katholischen Kirche der Stellvertreter Gottes auf Erden, diese Rolle nimmt hier der Hohepriester ein. Die drei parallel zueinander stehenden Balken symbolisieren die drei Welten oder Bereiche, über die der Papst Gewalt hat: Kirche, Welt und das Himmelreich.
  • Geste der rechten Hand: Segnungszeichen. Er segnet die Mönche, die ihn anbeten und somit ihre Tätigkeit – das gottgefällige Leben
  • Kopfputz mit herunterhängenden Streben = dreifache Papstkrone: Erinnert etwas an Kopftracht ägyptischer Pharaonen. Symbol seines Amtes. Die drei Kronen symbolisieren ähnlich wie das Papstkreuz mit den drei Querbalken die drei Reiche, d. h. er ist Herrscher über die drei Welten. Die Zahl drei = Hinweis auf heilige Dreifaltigkeit oder auch die Dreieinigkeit von Körper, Geist und Seele, auch: Oberwelt, Mittelwelt, Unterwelt.
  • Kreuzsymbole auf weißem Brustband und Pantoffeln: Typisches Stickmuster der Papsttracht. Das Christentum ist Grundlage (Füße) und Herzensangelegenheit des Hohepriesters.
  • Podest: Erhöhte Position, überragende Bedeutung, besonders wichtige Stellung des Hohepriesters, Macht und Einfluss
  • Kleidung der Mönche: Ein Mönch trägt ein Gewand mit Rosenmotiv, der andere eines mit Lilienmotiv. Rosen und Lilien kann man als Symbole für Liebe und Tod deuten; jene Dinge, die das Leben des Menschen maßgeblich beeinflussen.
  • Tonsur der Mönche: Haar symbolisiert Lebenskraft; wenn man es teilweise entfernt, ist das ein Zeichen des Büßens und der vollständigen Hinwendung zu Gott. Hier: diese Form der Tonsur ist die des Apostels Petrus, den wir als Schlüsselfigur bereits aufgegriffen haben.
  • Schachbrettartige Streifen am Boden des Podests: Freimaurer-Symbolik, die Dualität (Gut/Böse, Schwarz/Weiß, Tag/Nacht, Weiblich/Männlich, Diesseits/Jenseits etc.) verkörpert. Innerhalb dieser Dualität findet das Leben statt (vergleichbar mit einem Schachspiel). Auch: Übergänge, Wendepunkt in der persönlichen Entwicklung. Die Anzahl der Streifen deutet auf die vier Jahreszeiten oder vier Elemente hin – also die Grundlage allen Seins oder den unausweichlichen Jahreslauf, der Veränderung, der wir alle unterworfen sind.
  • Vier Radkreuze auf dem Podest: Auch: Sonnenkreuze. Symbol für die Sonne ODER Zyklus der Jahreszeiten/Tag und Nacht. In der Astrologie ein Symbol für den Planeten Erde – der Hohepriester sitzt gerade im Hier und Jetzt, auf der Erde.
  • Zahl 3: Dreiteilung tritt häufig auf: 3 Personen, 3 Kronen, 3 Lagen Kleidung des Papstes, Dreiteilung der Säulen, vertikale Dreiteilung des Bildes, 3 Kreuze auf dem Pallium/Brustband des Papstes, 3 Querbalken des Papstkreuzes. Die 3 ist eine heilige Zahl, die überall in Religionen und im Leben Anwendung findet: 3 Lebensalter, heilige Dreifaltigkeit, Dreiteilung der Ebenen Körper – Geist – Seele.

4. Deutung der Karte

Der Hohepriester ist der Stellvertreter Gottes auf Erden, er steht in der Tradition des Gottkönigs. Sein ernster Gesichtsausdruck und die erhabene Körperhaltung sprechen dafür, dass er seine Rolle annimmt. Seine Macht ist große, genau wie seine Verantwortung. Beides nimmt er an und handelt verantwortungsbewusst damit. Er ist Lehrer und Offenbarungsträger zugleich.
Er wurde für dieses Amt auserwählt, was auf Talent und Fleiß seiner Person hindeutet. Die Mönche, die sich ihm zuwenden, symbolisieren Hingabe und Interesse. Er unterrichtet diejenigen, die sich ihm zuwenden (auf der Karte sind das die Mönche) und dient als Bindeglied zwischen den drei Reichen, dem Dies- und Jenseits.
Die Karte steht für Hingabe, Lerneifer, Wissensvermittlung. Wer spirituelles Wissen sucht, soll sich an einen Lehrer wenden. Wer über großes Wissen verfügt, soll es mit Hingabe weitergeben. Die Karte des Hohepriesters ist im Gegensatz zur Karte der Hohepriesterin stärker rational und auf formales Wissen gerichtet und nicht auf Gefühle und Intuition.

5. Deutung der Schattenseite

Der falsche Prophet, Menschen bewusst in die Irre führen, falsche/schädliche Lehren verbreiten, jemanden ins Verderben führen, Betrügern aufsitzen, sich blenden lassen, Personenkult, seine Macht missbrauchen

6. Fazit zur Karte

Die Karte des Hohepriesters ruft mich dazu auf, Hingabe und Offenheit aufzubringen, wenn ich lernen möchte. Diese Eigenschaften sind der Schlüssel zu höherem Bewusstsein. Der Hohepriester bedeutet mir, mir meine Lehrer gut auszusuchen und das, was ich lernen möchte, durch Integration in den Alltag (-> Lebensweise der Mönche) zu Fortschritten zu bringen.

  • „Ein guter Lehrer kann dir helfen, den Kontakt zu den Dingen zu finden, die du anstrebst.“
  • „Integriere deine Lernthemen in dein alltägliches Leben, um in ihnen Meister zu werden.“
  • „Offenheit des Geistes und Hingabe an das Thema sind die wichtigsten Aspekte beim Lernen:“
  • „Wenn du in einem Bereich Meister bist, dann übernimm Verantwortung und teile dieses Wissen mit anderen.“
Anmara
Beitrag von Anmara
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