Rider-Waite-Tarot: VII, Der Wagen

https://en.wikipedia.org/wiki/The_Chariot_%28Tarot_card%29#/media/File:RWS_Tarot_07_Chariot.jpg

1. Beschreibung der Karte

Auf der Karte sehen wir einen kräftigen jungen Mann mit halblangen blonden Haaren, der in einer Art Streitwagen steht, vor den zwei Fabelwesen gespannt sind. Bei den Fabelwesen handelt es sich um Vertreter der Sphinx, Mischwesen aus Löwe und Mensch. Der Wagen ist überdacht und mit einem Vorhang ausgestattet, der wie das Himmelszelt in Dunkelblau mit vielen goldenen Sternen gestaltet ist.
Der Mann im Wagen trägt eine feierliche Rüstung mit zum Ellbogen hin blütenkelchartig auslaufenden Armschützern, Waffenrock und Brustpanzer. Auf seinen Schultern sind schützende Ornamente in der Form von Halbmonden befestigt. In seiner rechten Hand hält er einen langen schlanken Stab mit goldener Spitze. Auf den Schulter-Monden des Fahrers sind Gesichter zu sehen, ein grimmig dreinblickendes und ein lachendes, die an die Symbole für Tragödie und Komödie erinnern. Der Fahrer trägt ein hellblaues, geflochtenes Stirnband und darauf eine Krone mit einem geschwungenem Bogen und einem Stern.

Er hat einen selbstbewusst-entspannten Gesichtsausdruck mit angedeutetem Lächeln. Sein Brustpanzer ist verspiegelt, sein Gürtel gelb mit rechteckigen astrologischen Symbolen darauf; auch auf den Falten seines Rocks sind in vertikaler Anordnung diverse Symbole zu sehen.
Die Sphinxe sind schwarz und weiß (wie die Säulen im Tempel der Hohepriesterin). Ihre Gesichter sind eher androgyn und nicht ganz eindeutig einem Geschlecht zuzuordnen. Sie liegen gelassen vor dem Wagen, die Tatzen entspannt und wie in Erwartung übereinander gelegt. Beide haben angedeutete Brüste und den typisch ägyptischen Kopfputz mit schwarz-weiß gestreiften Bandornamenten. Auf der Vorderseite des Wagens befindet sich ein Wappen mit Radachse, einer gelben (Sonnen-)Scheibe und zwei hellblauen Flügeln an der Seite.

Der Wagen steht auf einer grünen Wiese, im Hintergrund fließt ein Fluss oder Wassergraben, hinter dem sich ein Grünstreifen mit Bäumen anschließt. Dahinter sieht man schließlich eine Stadtmauer mit mittelalterlichen Gebäuden darin – sowohl auf der linken als auch der rechten Seite. Dabei handelt es sich um zwei Burgen oder Schlösser mit diversen Türmen und Erkern.

2. Deutung der Farben

  • Gelb: Vitalität, Leichtigkeit, Beschwingtheit, Lebensfreude; auch: Hektik, Neid, Oberflächlichkeit.
  • Blau: Ruhe, Entspannung, Mythologie, tiefgehende Erkenntnisse, das Himmelszelt, Tiefgründigkeit.
  • Grau: Stabilität, Versteinerung, Starrheit, für die Ewigkeit gemacht, Unbeweglichkeit, Kargheit, Ablehnung.
  • Rot: Macht, Lebenskraft, Energie, Wut, Aggression, Schnelligkeit, Durchsetzungskraft, Farbe der Aktivität.
  • Grün: Lebenskraft, Kreativität, Entwicklung, Vorankommen, Entfaltung, Fruchtbarkeit.
  • Weiß: Spiritualität, Besonnenheit, Möglichkeiten, Reinheit, „Alles ist möglich“.
  • Schwarz: Geheimnis, Schutz, Verführung.

3. Deutung der Symbole

  • Wagen/Gespann: Transportmittel, Fortbewegungsmittel. Fortschritt, Weiterkommen, die Zügel in die Hand nehmen, das Leben lenken.
  • Sternenhimmel: Unendliche Möglichkeiten, Entwicklung, Träume verfolgen, seinen persönlichen Stern unter Millionen von Sternen finden, seinen (Lebens-)weg finden, Sinnsuche, Erfüllung.
  • Stadtmauer: Abschottung, Sicherheitsbedürfnis, Ausgrenzung, über seine Grenzen hinauswachsen, Grenzen überwinden, an seine Grenzen stoßen.
  • Burgen: Sich verschließen, unerreichbar sein, Rückzugsort, Abschottung, Schutz.
  • Geflügelte Scheibe: Flügelsonne der Ägypter, Attribut des Sonnenkönigs, Schutzsymbol.
  • Sphinxe: (griech./ägypt.) Dämonen der Zerstörung, Rätselhüter. Als Zugtier: Möglicherweise nur durch Schläue in Bewegung zu versetzen.
  • Grüne Wiese: Fruchtbarer Boden, fruchtbare Grundlagen, günstige Voraussetzungen.
  • Breiter Fluss: das pulsierende Leben, Strom des Lebens, sich treiben lassen, mit dem Strom schwimmen, „im Flow sein“, Hindernis überwinden oder auch ein unüberwindbares Hindernis.
  • Schwarz-weiße Sphinxen: Dualität (wie bei den Säulen der Hohepriesterin): Tag/Nacht, männlich/weiblich, Leben/Tod.
  • Stern auf der Krone: „Das Ziel im Kopf haben“, Himmelsprinz, Symbol für zielorientiertes, vorausblickendes Handeln.

4. Deutung der Karte

„Steig in den Wagen und übernimm die Führung!“, scheint der Mann auf der Karte mir zuzuraunen. Unsere Karte zeigt allerdings ein Fortbewegungsmittel, das stillsteht. Vor den Wagen sind Fabelwesen mit durchtriebenem Charakter gespannt, auf dem Bild ruhen sie und machen auch nicht den Eindruck, sich bald in Bewegung setzen zu wollen. Vielleicht stellen sie ein Hindernis dar, vielleicht sind sie Hüter und prüfen denjenigen, der in den Wagen steigen möchte, auf Herz und Nieren. Oder stellen ihm, wie in der Sage aus der griechischen Mythologie, vor ein Rätsel: „Was hat am Morgen vier Beine, am Mittag zwei und am Abend drei Beine?“
Wer erst einmal die Sphinxe passiert hat, darf den Wagen besteigen und Kurs nehmen zu seinen Zielen – symbolisiert durch den Nachthimmel an der Decke des Wagens. Unzählbare Möglichkeiten in Form von Sternen breiten sich dort aus.
Wer zu seinen Zielen und Möglichkeiten ausprobiert findet, findet auch immer ein Stück weit zu sich selbst. Denn wenn wir dort sind, wo wir hin wollten und neue Dinge in unser Leben lassen, haben wir uns auch immer ein ganzes Stück weiterentwickelt und wissen, ob wir unserem Ich treu geblieben sind oder einen anderen Weg einschlagen müssen.

Die Symbole von Tragödie und Komödie (lachender und grimmig dreinschauender Halbmond auf den Schultern des Fahrers) zeigen an, dass er auf seinem Weg zu seinen Zielen und Möglichkeiten, von frohen und auch traurigen Ereignissen begleitet wird, es geht also auch um Akzeptanz darüber, dass das Leben immer unvorhersehbare Überraschungen bereithält, man aber trotzdem seinen Weg verfolgen kann und sich nicht aus der Bahn werfen lassen darf.
Die Karte „Der Wagen“ zeigt, dass man aus seiner Komfortzone herauskommen muss, um seine Ziele anzugehen (symbolisiert durch die Stadtmauer und sicheren Burgen im Hintergrund) und auch Hindernisse zu überwinden hat – hier etwa den breiten Fluss vor der Stadtmauer.
Anreiz oder Antrieb bildet dabei das Mysterium um die Polaritäten – das Leben, das sich irgendwo zwischen Schwarz und Weiß, Tag und Nacht, Geburt und Tod abspielt.

5. Deutung der Schattenseite

Sich in etwas verrennen, ziellos unterwegs sein, sich aus der Bahn werfen lassen, Hindernisse nicht überwinden können, Stagnation, seine Sicherheit nicht aufgeben wollen, keine Risiken eingehen, keine Verantwortung für das eigene Leben übernehmen, eine falsche Richtung eingeschlagen haben, sich Illusionen hingeben, auf dem Holzweg sein.

6. Fazit zur Karte

Wenn der Wagen in meiner Ziehung auftaucht, dann ist er eine Aufforderung, mich startklar zu machen und die Führungszügel wieder selbst in die Hand zu nehmen: es ist mein Leben, es sind meine Ziele, meine Möglichkeiten. Es geht darum, Verantwortung für den Verlauf meines Leben zu übernehmen und meinen Zielen näherzukommen, die Dinge in Bewegung zu setzen.

„Lass dich inspirieren und schlage dann den Weg ein, der dich deinen Zielen näher bringt!“
„Per aspera ad astra, per noctem ad lucem.“
„Du bist der Richtungsgeber in deinem Leben!“
„Die Sterne (= meine hochgesteckten Ziele) scheinen hell am Himmel – lass dir von ihnen die Richtung auf deinem Weg weisen.“
„Wenn der Stein erst ins Rollen gebracht ist, läuft es fast von ganz alleine.“

Beitrag von Anmara
Print Friendly, PDF & Email
Leave a Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.