Pandoras Kästchen

„War das Weib allein nicht schon Strafe genug?!“, grollte Zeus wütend. Epimetheus wich verschämt seinem Blick aus, denn eigentlich fand er seine Frau ganz in Ordnung. Sie mutete trotz ihrer Begabtheit und Schönheit vielleicht ein wenig seltsam an, eben wie nicht von dieser Welt, aber wer würde das nicht, wenn er doch erst aus Lehm geschaffen wurde? Sie würde eben noch ein paar Spielregeln lernen müssen. Und vielleicht hätte er sich ja auch mehr Mühe geben sollen dabei, sie in das gesellschaftliche Leben mit seinen Spielarten einzuführen… aber er hat sie einfach vom Fleck weg heiraten müssen, dieses göttliche Wesen!

Natürlich war Zeus sauer, weil sein Bruder Prometheus es ein bisschen zu gut mit den Menschen gemeint hatte und dieser Plage auf zwei Beinen, wie er sie gerne abschätzig bezeichnete, nun auch noch das Feuer überlassen hatte. Die Menschen wurden seiner Meinung nach zu schnell aufmüpfig und undankbar und Zeus musste endlich einmal wieder seine Macht durchsetzen, schließlich war er der Göttervater und alles sollte seinem Kommando gehorchen. Und wie schön war sein Plan, in dieses Kästchen alle Plagen hineinzusperren und sie dem verführerischen Weibe zur Hochzeit zu schenken… Eigentlich sollten die Menschen sich mit dem Kästchen abmühen, aber er hat ja nicht ahnen können, dass seine schöne Pandora entweder so verdammt naiv oder zu neugierig war – oder eine Mischung aus beiden unvorteilhaften Charakterzügen. Jetzt hatten sie den Salat.

Es gab ein riesiges Donnerwetter, als sich der Inhalt des Kästchens entleerte und wie ein Leichenzug den Weg zur Welt der Menschen antrat: bunten Gasen gleich stiegen nebelhafte Gestalten aus dem Kistchen und folgten einem inneren Kompass, dessen Spitze zur Menschenwelt hin zeigte. Grauenhafte Fratzen hatten sie, hohle Augenhöhlen, zu Schmerz verzerrte Münder, spitze Nasen, dämonenhafte Antlitze, gefräßige Mäuler und boshafte Schlitzaugen; sie kamen in allen Farben und Formen daher, ein grauenhafter Alptraum hätte diese Gestalten nicht besser ins Leben rufen können. Sie schlurften, hüpften, stolperten, schlichen – allesamt mit diesen unmenschlichen, zombiehaften Bewegungen, als seien sie schon lange tot (oder konnten diesem leblosen Zustand auf geheimnisvolle Weise wieder entweichen). Sie jaulten, kicherten, zischten, polterten und dröhnten.

Der Himmel wurde schwarz, in der Ferne schossen Blitze herab. Zeus hatte bemerkt, dass etwas nicht nach Plan lief und verlieh seiner Wut Ausdruck, der alte Blitzeschleuderer. Vom Geruch, der dem unheimlichen Umzug ausging, der sich aus dem Kästchen ergoss, wollte Epimetheus gar nicht erst reden – eine Mischung aus Gruft, beißendem Staub und dem Vorgeschmack auf die Qualen der Hölle musste das sein. Ihm wurde ein wenig übel, als er darüber nachdachte.
Und was machte eigentlich seine Frau? Pandora saß mit glitzernden Augen da und beobachtete, wie sich der Inhalt des Kästchens in den Schreckensumzug verwandelte. Ihr Gesichtsausdruck war undurchdringlich. Epimetheus konnte nicht weiter zusehen, dieses Ereignis würde wohl ihren ersten Ehestreit bedeuten. Er lief ein paar Meter, bis er sich auf einer Lichtung niederließ, in sich ging und irgendwann einnickte.

Es mussten ein paar Stunden vergangen sein, als er erschrocken wieder zu sich kam, zurück zu seiner Frau hetzte und ein verschlossenes Kästchen vorfand. Hatte er alles nur geträumt?! „Pandora, was ist passiert? Hast du das Kästchen geöffnet und diesen Alptraum auf die Menschen losgelassen?? Und wer hat das Kästchen wieder geschlossen???“

Doch Pandora sagte nichts. Sie saß da mit ihrem geheimnisvollen Gesichtsausdruck, den Blick in eine nicht bestimmbare Ferne gerichtet, und lächelte verschmitzt.

Anmara
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